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Dr. Friedrich Migeod: Die Relevanz von Hochdosis-Ascorbinsäure (VitaminC) bei Metastasen und Hyperthermie

Wissenschaftliches Programm - Hyperthermie in Praxis und Wissenschaft

15:30-16:00 Uhr

    Vitamin-C-Mangel in Sinne von Skorbut ist der Menschheit schon lange bekannt, aber erst 1928 gelang Szent-Györgyi die Isolierung des Vitamins. Weitere Forscher wie Stone 1972 erhellten seine Biochemie, seine physiologischen und medizinischen Funktionen und seiner essentiellen Charakter für den Menschen. Demgegenüber ist aber seine Rolle als wichtiger Katalysator im Organismus im medizinischen Alltag zum Teil nicht exakt definiert, vielleicht weil sein  Wirken komplex  und vernetzt ist, in zahlreichen Organen  und Kompartimenten, in vielen Funktionen der Biochemie und der Physiologie. Es beeinflusst unter anderem:
    -         die Bindegewebs- und  Knorpelmatrixsynthese
    -         die Biosynthese von Katecholaminen und Neurotransmittern
    -         antioxidative Wirkung gegen Sauerstoffradikale
    -         Hemmung der Verbindung von Stickoxiden und Aminen zu kanzerogenen Nitrosaminen
    -         Stimulation des Cytochrom p450 zur Entgiftung via Lebermetabolismus
    -         Synthese von antioxidativen Gallensäuren aus Cholesterol etc. 

    Zusammenfassend können die folgenden Eigenschaften als Hauptwirkungen postuliert werden:
    - Immunmodulation und –stimulation
    - Regulierung des Membranpotentials
    - Stabilisierung des Interstitiums und der interzellulären Matrix

    Ein Vitamin-C-Defizit begünstigt klinisch nicht nur den Skorbut als Ausdruck einer Bindegewebsschwäche des Zahnhalteapparats, Knorpel, Knochen etc. sondern findet sich bei  
    - rheumatischem Formenkreis
    - Tumorleiden sui generis und als Folge ärztlicher Therapien
    - Allergien, Asthma, Höhenkrankheit, AVK
    - Rauchen, Fehl- und Mangelernährung

    Die radikalneutralisierende Wirkung kann zusätzlich von vielen körpereigenen Stoffen wahrgenommen werden, wie Thiole (S-Verbindungen), Bilirubin, Harnsäure, aber in höchster Potenz im Extrazellulärraum von Vitamin C. Demnach erscheint es logisch, dass Vitamin C selbst kein mutagenes oder kanzerogenes Risiko birgt. Ursache ist eine Verschiebung der Oxidation der Nukleotide Guanin und Adenin in Gegenwart ausreichender Vitamin-C-Spiegel, woraus eine geringere Tendenz zur Zellteilung und Proliferation resultiert. In-vitro Versuche zeigen z. B. für Kolonkarzinom-Zellen eine Hemmung durch Vitamin C in niedrigerer Dosis als bei benignen Colonfibroblasten. In einer Kultur mit steigenden Vitamin-C-Konzentrationen werden benigne Zellen (Fibroblasten) zum Teil bis zu 20 % stimuliert, maligne Zellen (endometriale Adenokarzinome, Pankreaskarzinom) bis zu 100 % gehemmt. Der zellhemmende Effekt von Vitamin C auf maligne Zellen kann etwa 20x höher als auf benigne Zellen veranschlagt werden. 

    Wie sieht es in vivo präventiv beim Menschen aus? Kolonkarzinome entstehen  aus Kolonpolypen verschiedener Dysplasiegrade. Vitamin C konnte den Anteil präkanzeröser Läsionen in villösen Polypen und überhaupt die Inzidenz von Rezidivpolypen (von 35 auf 6 %) bei regelmäßiger Polypektomie deutlich senken.

     

    Bekannt ist die protektive Rolle von Vitamin C beim Magenkarzinom. Es sind 3 Hauptmechanismen:

    1. ständige Sekretion von Vitamin C ins Magenlumen über den Blutweg

    2. Stickoxid (NO) und O2-Radikale bilden Peroxinitrite, die mit Nitraten hochkanzerogene Nitrosamine bilden, zusätzlich IL-1 mit Aktivierung proteolytischer Enzyme induzieren. Daher überfordert die Zufuhr nitrithaltiger Nahrungsmittel (Wurst, Fleisch) und Umweltbelastungen (Dünger, Rauchen) das Antioidantiensystem, wenn Vitamin C fehlt.

    3. Vitamin C verhindert, daß das vasodilatatorisch aktive NO- (EDRF) zu inaktivem NO oxidiert wird (EDRF = endothel derived relaxing factor).

     

    Vitamin C ist epidemiologisch mit einer geringeren Inzidenz von folgenden Krebsleiden assoziiert, sowohl beim Menschen  als auch bei Tieren:

    Oesophagus, Larynx, Pharynx, Pankreas, Magen, Kolon, Rektum, Mamma, Zervix

    Die Prävention von diesen Karzinomen erfolgt physiologisch über die Stimulation des p450-Cytochrom-Systems, Inhibierung der Nitrosaminbildung, Förderung der Immunglobuline, C3-Komplement und alpha-Interferone bei vermehrtem Transport via Leukozyten.

     

    Die zeitlich simultane Gabe von Vitamin C und Zytostatika könnte theoretisch die Wirkung der Zellgifte abschwächen, weil sich viele Zytostatika über eine O2-Radikalwirkung entfalten, z. B. die Bildung von Superoxid-Anionen (O2-) über die von Adriamycin vermittelte reduktive Spaltung von H2O2 zum Hydroxylradikal HO + HO (haupttoxischer Stoff der Anthrachinone). Interessant ist, dass Vitamin C während einer Hyperthermie im Tumor statt eines antioxidativen einen prooxidativen Effekt mit der Folge Azidose, Ischämie und Hypoxämie entwickelt, also zur Hyperthermie synergistisch wirkt. 

    Günstig ist auch der supportive Effekt von Vitamin C bei der Tumorkachexie und Fatigue. Es erfolgt ein anaboler Effekt über  Galleproduktion, Cortisolsekretion, Katecholaminfreisetzung, Neurotransmitterproduktion, wie CRH, ACTH, Vasopressin, L-Carnitin zur Lipolyse.

    Ausgiebige klinische Erfahrungen sammelte CAMERON 1991 in der Vitamin-C-Therapie, der neben der Verbesserung der Befindlichkeit des Krebspatienten einen Rückgang von Schmerzen durch Skelettmetastasen (reduziertes Hydroxyprolin ) und Resorption von malignen Ergüssen feststellte. Objektiv beobachtete er häufig einen  Tumorstillstand oder eine verzögerte Tumorprogression. Da die orale Gabe von Vitamin C wegen eingeschränkter enteraler Resorption deutlich schlechtere Plasmaspiegel erzeugt als die parenterale Gabe, empfiehlt CAMERON zunächst Vitamin-C-Infusionen mit nachfolgender oraler Gabe, wobei ein Plasmaspiegel von 3 mg/dl angestrebt werden sollte. Dieses deckt sich mit den Erfahrungen in der Klinik , wobei die Dosis je nach Situation variiert werden kann:  

    - präventiv:                2-3 oral /Tag
    - Rezidivprophylaxe   7,5 g / 2x/Woche im 1. Jahr, später oral 2-3g/Tag
    - protektiv zur Strahlentherapie: 7,5 g / 2-3x/Woche i.v.
    - parallel zur Zytostase: immer in Absprache mit dem Onkologen
    - zur Ganzkörperhyperthermie: bis zu 30g Vitamin C i.v.
    - zur Therapie von Kachexie / Fatigue: 7,5g VitC i.v. 2-3x/Woche 

    Fazit: Die parenterale und enterale Anwendung von Vitamin C  in der Onkologie ist präventiv belegt, komplementär und supportiv durch verschiedene Wirkmechanismen sinnvoll und wirksam, und zum Teil auch synergistisch wirkend bei klassischen Therapien wie Chemotherapie und Bestrahlung. Eine additive Wirkung besteht bei der Hyperthermie aufgrund des prooxidativen Effekts im Tumor. Die Vitamin-C-Therapie, insbesondere in ihrer parenteralen Form stellt demnach in der Klinik eine sinnvolle, hilfreiche, vom Patienten akzeptierte und preiswerte Ergänzung des Therapiespektrums dar.

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